Marc und Hauke über Prävention, Würde im Unterricht und warum Toleranz mehr als ein Wort ist
Tolerance is not just an issue – it is in the very DNA of the Ahrensburg Musical School (near Hamburg). In this episode, Hauke Wendt and Marc Brendemühl discuss a comprehensive protection policy that the school has developed in collaboration with the Child Protection Association. They explain why preventive measures are important, how dignity is upheld in the classroom, and how to deal constructively with criticism – without crossing personal boundaries. A personal conversation about tolerance in practice at a theatre school, shaped by real-life experiences and practical solutions.
📑 Kapitel
- 00:00 Intro & Einstieg ins Thema Toleranz
- 01:00 Warum Toleranz bei Theaterschulen Teil der DNA ist
- 03:30 Kirchenskandal in Ahrensburg: Der Auslöser
- 05:00 Schulen als dritter sicherer Ort für Schüler
- 05:45 Zusammenarbeit mit dem Kinderschutzbund
- 07:20 Präventionsplan und Eskalationsstufen
- 09:30 Persönliche Geschichte: Übergriffe vor der Haustür
- 11:00 Würde vs. Komfortzone im Unterricht
- 12:30 Wie Kritik konstruktiv vermittelt wird
- 14:00 Hauke reflektiert eine eigene Situation
- 15:30 Aufforderung zum Dialog & Closing
📜 Transkript
Transkript
Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, herzlich willkommen zurück zu "Auf die Bühne, fertig, los!", dem Podcast der Musicalschule Ahrensburg. Mein Name ist Hauke Wendt und bei mir ist wieder Marc Brendemühl. Schön, dass du da bist. Moin Marc. Danke Hauke. Danke, dass ich wieder dabei sein darf. Ich, ich leite einfach mal ein in den Punkt des heutigen Gesprächs. Wir haben nämlich einen sehr spannenden Podcast für euch heute, eine sehr spannende Folge.
Und zwar hatten wir vor kurzem den Tag der Toleranz und als Social Media Manager habe ich mich natürlich damit beschäftigt, ob das ein Thema sein könnte, etwa für die Musicalschule, dass wir da an diesem Tag irgendetwas auch posten wollen, da auch ein Statement zu setzen wollen. Und ich habe nachgefragt und ich erhielt eine Antwort, die dann so war, dass ich dachte, oh je, da kann ich aber gar keinen Post irgendwie draus machen, weil das war so viel Input, was du mir da geliefert hast.
Und ich habe begriffen, dass das Thema Toleranz bei euch sehr viel größer ist, als dass es nur in irgendeinen Social Media Post passt. Also dass es einfach nur irgendeine Marketingmaßnahme wäre. Ihr lebt Toleranz und ihr habt da vieles entwickelt an der Schule und ich möchte dich eigentlich fragen, warum ist das so? Ist das üblich, wenn man jetzt Musicalschulen oder Theaterschulen sich anguckt, ist das überall so ein ganz wichtiges Thema oder ist das speziell bei euch so?
Also ich glaube, Toleranz ist seit jeher ein Privileg von Theatern. Theatermenschen sind in der Regel Ausnahmen, bestätigen diese, aber sind sehr tolerante Menschen. Wir sind es gewohnt, Wir haben den Vorteil, wir dürfen oft international tätig sein. Wir arbeiten mit Menschen, die völlig unterschiedliche Hintergründe haben. Toleranz ist deswegen etwas, was eigentlich für uns nie wirklich thematisiert wird, sondern die wird, wie du richtig sagst, einfach gelebt.
Auch hier bei uns im Kollegium, an der Schulleitung ist es ja ein recht diverses Team, was hier zusammenarbeitet. Da sind wir stolz drauf, wir finden das toll. Das ist für uns auch selbstverständlich, dass sich jeder so toleriert und respektiert, wie wir alle sind. Ich glaube, dass das deswegen, weil das für uns einfach Teil unserer DNA ist, etwas ist. Und darauf sind wir wirklich stolz, dass wir das nie groß an der Schule thematisieren mussten.
Wir hatten hier nach meiner Erinnerung eigentlich nie ein Problem mit Toleranz, sondern hier haben sich viele Menschen wiedergefunden. Toleranz in irgendeiner Form gern mitleben wollen. Aber ich glaube, ihr habt ja auch in der Konzeptarbeit euch damit beschäftigt. Und war das gleich zu Beginn so oder hat sich das entwickelt mit der Zeit? Das hat sich tatsächlich so ein bisschen entwickelt, weil für uns das am Anfang nie wirklich ein Thema war.
Es hat sich gefügt, dass einfach eine Toleranz hier gelebt wurde und wir uns irgendwann gefragt haben, Wir wohnen ja nun auch in einer Gemeinde, die geprägt war von dem Kirchenskandal. Es gab Übergriffe. Auf einmal war es überhaupt nicht bei uns an der Schule, aber in der Gemeinde Thema. Und das war für uns Grund zu Moment, wir müssen das einmal analysieren. Wo kommt das her? Wo geht das hin?
Was wollen wir eigentlich? Und dann haben wir es tatsächlich zur Chefsache gemacht. Und was ist dabei dann entwickelt worden? Was ist dabei rausgekommen? Naja, wir haben festgestellt, dass heutzutage Schulen wie die unsere Orte wie unserer für viele Schülerinnen und Schüler zum Beispiel ein dritter wichtiger Standpunkt geworden ist. Es gibt das Zuhause, es gibt die Schule, die für viele allerdings auch schon wieder schwieriges Thema oder schwieriges Terrain ist.
Und dann gibt es einen Ort wie unseren. Und unser Ort soll ein sicherer Ort sein, egal wo möglicherweise Toleranz irgendwie eingeschränkt erlebt wird. Aber wir möchten ein Ort sein, wo wir nicht nur singen, tanzen und Schauspielen lehren, sondern wo auch das Gemeinschaftsgefühl gelebt wird. Und davon ausgehend haben wir uns dann ein Konzept überlegt. Dafür haben wir uns Hilfe geholt, wie wir sicherstellen wollen, dass es einfach möglichst nicht zu Problemen kommen kann, die wir teilweise aber noch gar nicht antizipieren konnten.
Du sagtest gerade, ihr habt euch Hilfe geholt. Ich gehe mal davon aus, die Hilfe war kompetent. Genau. Und deswegen können wir die eigentlich auch empfehlen, oder? Genau. Also wir haben uns hier Hilfe vom Kinderschutzbund geholt, der natürlich ein großes Interesse daran hatte, mit uns zusammenzuarbeiten. Das war für die, glaube ich, auch ein neues Thema, weil wir wirklich präventiv mit diesem Thema umgegangen sind.
Normalerweise werden die, glaube ich, angerufen, wenn es schon tatsächlich Problemfälle gibt, wenn es zu spät ist. Genau. Wie können wir einen Schaden begrenzen? Und ich glaube, dass das ein weiterer Baustein ist. Dass es bisher hier nie zu Problemen gekommen ist, weiß man nicht. Aber wenn es dazu kommen sollte, was ja nie auszuschließen ist, dann wüssten hier auch alle Mitarbeitenden, wie wir damit umgehen müssen.
Das heißt, es gibt so eine Art Fahrplan, wenn jemand etwas erlebt, was seine Toleranz verletzt. Das kann ja also sehr vielfältig sein. Genau, dann gibt es klare Verhaltensweisen, die quasi in so einem Plant dargelegt werden. Ganz genau. Also das geht natürlich in der letzten Stufe bis dahin, dass es Punkte gibt, die wir als Musicalschule überhaupt nicht mehr beeinflussen können. Also die letzte Eskalationsstufe ist dann natürlich der Anruf bei der Polizei oder bei Jugendämtern, je nachdem worum es dann gehen kann.
Aber vieles können wir auch im Kleinen schon klären und vieles können wir auch präventiv tatsächlich versuchen zu lösen. Das geht jetzt nicht nur um Toleranz, sondern auch um mögliche Übergrifflichkeit. Wie können wir verhindern, dass es zu blöden Situationen kommt. Erfreulicherweise ist es tatsächlich so, dass diese ganzen Maßnahmen, die wir uns hier ausgedacht haben, dass die aufgrund eines wirklich toleranten Geistes bei uns an der Schule, der sich automatisch offenbar auch entweder auf die Schüler übertragen hat oder wo einfach wir feststellen, es kommen fast ausschließlich tolerante Menschen her.
Deswegen haben wir diese Konzepte überhaupt noch nicht gebraucht. Aber für den Fall, dass sind wir vorbereitet Und du hast das angesprochen. Also es gab hier, du sagst in der Gemeinde, wir sind die Musicalschule Ahrensburg, es gab in Ahrensburg Dinge, die passiert sind, die nicht schön waren. Waren das Dinge aus der weiteren Vergangenheit oder ist das relativ frisch gewesen, weil hast du es jetzt so dargestellt, als wäre es vor kurzem gewesen?
Ja, das betrifft natürlich so ein bisschen unsere Jugendzeit. Deswegen ist das ein Thema, was sehr nah emotional ist. Natürlich ist das aber schon lange ist Das her, über 30 Jahre, Jahrzehnte her, Jahrzehnte her. Aber wir beide, das kann man dann vielleicht auch mal einfach sagen in diesem Podcast, wir sind ja beide Arnsburger Jungs und wir sind natürlich zusammen auch aufgewachsen und wir haben hier das erlebt, als wir Jugendliche waren, dass hier Dinge passiert sind und auch unter den Teppich gekehrt worden sind, die nicht in Ordnung waren.
Und insofern ist das vielleicht auch verständlich dann, dass ihr von Anfang an auch gesagt habt, das muss etwas sein, wo wir vorangehen, wo wir uns des Themas annehmen. Auf jeden Fall. Genau. Es ist super wichtig für mich gewesen. Diese Übergrifflichkeiten sind ja teilweise wirklich näher an uns heran passiert, als wir es damals erlebt haben. Dann stellt man sich als erwachsener Mensch die Hätte ich das mitbekommen müssen?
Hätte ich das wissen müssen? Hätte ich das verhindern können? Und genau im nächsten Schritt hätte ich das verhindern können. Meine klare Meinung dazu. Nein, damals mit dem Wissen, was wir hatten und auch an dem Punkt, an dem wir in unserem Leben waren, wäre das nicht möglich gewesen. Aber umso schlimmer eigentlich, dass es vor unserer Haustür passiert ist und wir nichts mitbekommen haben.
Und bis dahin hatte ich eigentlich immer Naja, das ist etwas, das bekomme ich ja mit. Also blaue Flecken oder was auch immer sich da nun irgendwie äußerlich äußern mag. Das sind Themen, das bekommen wir mit. Nein, das bekommst du nicht automatisch mit. Und umso wichtiger, dass wir da einfach uns mit auseinandersetzen, ohne dass es jetzt tatsächlich den konkreten Verdachtsfall oder eine problematische Situation hier an der Musicalschule gegeben hätte.
Ich glaube allgemein für die Gesellschaft ist es immer wichtig, miteinander im Gespräch zu sein, miteinander zu sprechen und da wo also wie gesagt, Toleranz oder Würdeverletzungen können vielfältig sein. Ja, was der eine als Verletzung empfindet, empfindet der andere nicht als Verletzung und so Was der eine als Verletzung empfindet, hat der andere gar nicht geplant als eine Verletzung. Also allgemein.
Aber sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, miteinander zu sprechen, ist, glaube ich, einfach wichtig. Und insofern war ich natürlich wirklich überrascht, als in dem Moment, wo ich diese Frage stellte, wollen wir an dem Tag einen besonderen Post machen? Als diese Antwort halt so vielfältig ausfiel, dass ihr euch so damit befasst habt. Das hat mich damals echt überrascht. Und das war dann der Punkt, wo wir gesagt haben, also das können wir nicht so mal eben kurz oder auf der Website mit einer Landingpage zum Thema Konzept bei Toleranzverstössen abhandeln, sondern das ist wirklich ein Thema, das muss man mal einmal angreifen.
Die Frage ist ja auch an euch. Habt ihr Beispiele erlebt selber in eurem Leben, wo euch das passiert ist, in Institutionen wie Schulen, dann wisst ihr sicherlich, wie einen das betroffen macht. Genau. Es gibt natürlich aber auch noch eine ganz andere Ebene Das war jetzt ja bisher tatsächlich das ganz große Rad, an dem wir da gedreht haben und ganz große Problematiken. Es gibt ja auch die Mikroebene, die für uns tatsächlich im Unterrichtsstudio stattfindet.
Und du hast eben Würdeverletzungen angesprochen. Wir versuchen natürlich auch bestimmte Grenzen im Unterricht auszuloten, und zwar nicht die Grenze von Würde, sondern wo ist das Ende meiner Komfortzone? Wie gehe ich selber mit bestimmten Dingen um? Wir möchten ja, dass unsere Schülerinnen und Schüler auch mal an ihre Grenzen gehen und Dinge ausprobieren. Und beim Ausprobieren kann ja auch immer was schiefgehen.
Man kann mal so richtig blöd aussehen, man kann so richtig blöd klingen. Und für uns ist es wichtig, dass jeder die Möglichkeit hat, sich da auch auszuprobieren, dass Dinge auch mal schiefgehen können. Sonst können wir uns alle auch nicht verbessern, weder im Gesang, noch im Schauspiel, noch im Tanz. Und das sehen wir ja im täglichen Unterricht. Unsere Schüler sind da auf beiden Seiten. Wenn mir was schiefgeht, kann ich über mich in der Regel lachen und niemand ist im Unterricht verletzend.
Falls es mal irgendwie dazu zu unterschiedlichen Auffassungen kommen sollte, lässt sich das in der Regel sehr schnell aufklären. Und das ist für mich eben auch die täglich gelebte Toleranz in der Musicalschule. Nehmen wir mal ein prominentes Beispiel, was mir gerade so, während du das sagtest, auch eingefallen ist. Ich meine, jeder hat hier wahrscheinlich schon mal den Fehler begangen, Deutschland sucht den Superstar zu schauen.
Tschuldigung RTL. Dort gibt es ja einen Chef Juror, der seit Jahrzehnten gefühlt Menschen an der Grenze der Würde behandelt. Wie ist das mit dem Thema Kritik? Weil Kritik auch etwas ist, was, wenn man sie nicht annehmen kann, wenn sie unannehmbar erscheint, eine Würdeverletzung darstellen kann. Wie ist das bei euch? Habt ihr da nicht ausgesprochene Vereinbarungen, wie er damit umgeht? Wir sind es ja aus unserer Praxis im professionellen Theateralltag gewohnt, dass wir Kritik bekommen, genauso wie dass wir Kritik geben.
Es gibt ja das Grundverständnis davon, dass diese Kritik nie persönlich gemeint ist. Und manchmal ist das in der Formulierung relativ schwer, weil ich Du hast etwas gemacht, das war jetzt vielleicht nicht so gut und vielleicht kannst du das besser anders lösen. Und manchmal ist es auch hilfreich, Kritik zu kommunizieren, indem ich etwas plakativer bin. Und solange das alles aber vor dem Hintergrund passiert, dass es klar ist, ich kritisiere niemals einen Menschen, sondern es geht darum, dass ich jemandem helfen möchte, bei der nächsten Aufführung oder bei der nächsten Probe besser zu sein oder klarer zu sein, Dann ist das in der Regel kein Problem.
Wenn ich dann als annehmender Mensch irgendwie merke, das fühle ich jetzt doch irgendwie anders, das greift mich persönlich an, dann ist der einfachste Weg, das zu lösen, das direkt anzusprechen, weil wenn da irgendetwas schwelt, wenn da Probleme vielleicht bis zur nächsten Unterrichtswoche vor sich hergetragen werden, das ist blöd, weil in der Regel sich das sofort aufklären lässt. Es ist nie etwas Persönliches gemeint, sondern Kritik ist immer Kritik an der Sache und dann kann man, glaube ich, auch auf beiden Seiten gut damit leben.
Kurze spannende Schlussfrage eigentlich für diese Runde, weil wir haben jetzt wirklich gut über das Thema gesprochen und angeregt zu einer Diskussion. Wann bist du das letzte Mal an der Schule eigentlich außerhalb der Toleranz würde oder würde, was du als würdevoll empfindest, kritisiert worden und wie bist du damit umgegangen? Ich bin da leider mit dieser Situation nicht besonders gut und professionell umgegangen.
Du stellst mir jetzt diese Frage, ohne zu wissen, wie ich darauf antworten würde. Nein, habe ich mir spontan überlegt. Genau, also es ist tatsächlich so, dass dass ich im Nachhinein gemerkt habe, das ist genau das, was wir jetzt hier machen, dass wir versuchen auch über diesen Podcast ins Gespräch zu kommen, dass das helfen wird. Und zwar, was ganz konkret passiert ist. Wir wurden angesprochen von Eltern, wir wurden kritisiert.
Diese Kritik habe ich nicht als sachlich empfunden, Uns wurde dort etwas unterstellt, was ich damals als nicht in Ordnung empfunden habe und deswegen war ich da ziemlich sauer und habe dann im Nachhinein aber gemerkt, naja, also das beruht jetzt eigentlich darauf, dass beide Seiten sich nicht ausreichend in die andere Seite versetzt haben. Und für meinen Teil habe ich dann gemerkt, naja, hätte ich anders mit umgehen können.
Ja, jetzt kann man auch sagen, es schallt halt so aus dem Wald zurück, wie reingerufen wird. Hatte ich recht in der Sache. Definitiv hätte ich das charmanter lösen können auch definitiv. Also da bin ich auch nicht perfekt. Ich glaube, das ist dann auch ein gutes Schlusswort. Und bevor wir jetzt weiter ausleuchten, die Abgründe, Ich möchte nicht darüber sprechen, Wann ich hier das letzte Mal, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, wir hoffen, euch hat die Folge hier Spaß gemacht und sie hat euch vor allen Dingen zum Nachdenken gebracht.
Wenn ihr Fragen habt, wenn ihr etwas wissen wollt oder Anregungen habt, dann entweder Achtung da unten in die Kommentarspalten, das können wir das nächste Mal versuchen, synchroner hinzubekommen oder aber über den Messenger von Instagram, da könnt ihr uns auch erreichen. Und dann nehmen wir uns eurer Fragen, Anregungen, auch eurer Kritiken. Genau, gerade bei so einem wichtigen Thema sind wir da noch mehr offen, als wir sowieso schon wären. In diesem Sinne, danke Marc. Danke Hauke. Ciao, ciao.
