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Auf die Bühne, fertig, los!
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S01E09 📅
Von Vielleicht zu Ja: Wie wir wieder verbindliche Entscheidungen treffen

Hauke Wendt über Flexibilität, Gemeinschaft und warum echte Verbindlichkeit Freiheit schafft

Podcast Auf die Bühne, fertig, los! – Von Vielleicht zu Ja: Wie wir wieder verbindliche Entscheidungen treffen
⏱️ 12 Minuten 50 Sekunden

In dieser Episode spricht Hauke Wendt darüber, wie wir heute Entscheidungen treffen — und warum uns die Fülle an Möglichkeiten manchmal lähmt statt beflügelt. Ausgehend vom Facebook-Vielleicht-Button erkundet er, wie sich unsere Kultur der Verbindlichkeit verändert hat und was das für echte Gemeinschaft bedeutet. Der Geschäftsführer der Musicalschule Ahrensburg (nahe Hamburg) zeigt, warum in Ensembles und Projekten genau wie in vielen anderen Lebenslagen gilt: Eine Geschichte beginnt nicht mit "Vielleicht", sondern mit "Ja". Ein zum Nachdenken anregender Talk über Flexibilität, Verantwortung und die Dinge, die uns im Leben wirklich wichtig sind.

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📑 Kapitel

  1. 00:00 Intro: Wie treffen wir heute Entscheidungen?
  2. 00:12 Der Facebook-Vielleicht-Button und seine Auswirkungen
  3. 02:36 Vielleicht als Entschuldigung: Türen offenhalten
  4. 05:01 Das Loslassen von Möglichkeiten fällt uns schwer
  5. 07:26 Freundschaften brauchen mehr als theoretische Nähe
  6. 10:25 Warum Ensembles Gemeinschaft schaffen
  7. 12:55 Verbindlichkeit schafft erst echte Freiheit
  8. 15:21 Interessante Momente entstehen durch Zusammenhalt
  9. 17:31 Der Preis jeder Entscheidung — und sein Wert
  10. 21:03 Kleine Entscheidungen, große Auswirkungen
  11. 25:13 Aus Vielleicht wird niemals eine Geschichte
  12. 27:14 Outro und Verabschiedung

📜 Transkript

Transkript 1.864 words

Wir reden über etwas viel Größeres, darüber, wie wir heute eigentlich Entscheidungen treffen. Kennt ihr eigentlich noch den Vielleicht-Button bei Facebook? Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, ob es den heute überhaupt noch gibt. Aber als Facebook ihn damals eingeführt hat, da dachte ich tatsächlich, das ist eine ziemlich clevere Idee. Bis dahin war eine Einladung nämlich eine ziemlich einfache Sache.

Man konnte zusagen oder ab-. Ja oder nein. Und dann kam plötzlich diese dritte Option dazu, die irgendwie alles leichter gemacht hat. Vielleicht. Und ganz ehrlich, damals klang das sogar ziemlich sympathisch. Vielleicht war ja nicht unhöflich. Es war nicht dieses klare: Nein, ich habe keine Lust. Sondern eher: Ich würde ja gern, aber ich muss erst mal schauen. Oder „Ich weiß es noch nicht genau".

Oder einfach: „Lass uns mal sehen, was passiert." Und genau deshalb ist „vielleicht" für mich auch gar nicht das eigentliche Problem. Ich glaube sogar, dass wir dieses Wort manchmal brauchen. Das Leben lässt sich schließlich nicht immer sofort planen. Manchmal fehlen Informationen, manchmal braucht man Zeit. Und manchmal ist eine offene Antwort einfach ehrlicher als eine schnelle Entscheidung.

Aber irgendwann kippt etwas. Denn manchmal bedeutet vielleicht nicht mehr: Ich weiß es noch nicht. Sondern: Ich möchte mich noch nicht festlegen. Und manchmal heißt es sogar: Ich halte mir lieber alle Türen offen, weil ja vielleicht noch etwas Besseres kommt. Und plötzlich reden wir gar nicht mehr über Facebook. Wir reden über etwas viel Größeres. Darüber, wie wir heute eigentlich Entscheidungen treffen.

Und genau deshalb finde ich das Thema auch so spannend. Denn ich glaube gar nicht, dass es wirklich nur darum geht, ob Menschen heute weniger verbindlich sind als früher. Ich glaube auch nicht, dass die Menschen früher automatisch besser mit Entscheidungen umgegangen sind, dass früher jeder Termin eingehalten wurde und dass niemand jemals irgendetwas abgesagt hätte. Wahrscheinlich verklären wir die Vergangenheit da ein kleines bisschen.

Der Unterschied ist eher, dass wir heute viel mehr Möglichkeiten haben, Dinge offen zu lassen. Und das ist grundsätzlich erst mal etwas Gutes. Denn es wäre ziemlich absurd, sich darüber zu beschweren, dass wir flexibler geworden sind. Wir bekommen Informationen schneller, wir können leichter kommunizieren und wir können viel besser auf Veränderungen reagieren. Aber diese Flexibilität hat eben auch eine andere Seite: Wenn fast alles veränderbar ist, wenn fast alles verschiebbar ist und immer noch irgendeine Alternative auftauchen kann, dann wird es schwieriger, etwas wirklich festzuhalten.

Ich merke das bei mir selbst. Es gibt Situationen, da bekomme ich zum Beispiel eine Einladung und mein erster Gedanke ist eigentlich: Schön! Da möchte ich hin. Ich freue mich auf die Menschen. Ich habe Lust auf was auch immer es ist. Und eigentlich ist die Entscheidung schon längst gefallen. Und dann passiert etwas Interessantes. Mein Kopf fängt an zu arbeiten. Was ist an dem Wochenende noch los?

Wie sieht der Kalender aus? Kommt vielleicht noch etwas dazwischen? Und plötzlich ist aus einem einfachen „Ja gern" ein ziemlich komplizierter Entscheidungsprozess geworden. Nicht, weil mir die Einladung auf einmal unwichtig geworden wäre und auch nicht, weil ich keine Lust hätte, sondern einfach, weil die Möglichkeit besteht, noch ein bisschen zu warten. Und genau darin liegt für mich die eigentliche Herausforderung unserer Zeit.

Wir haben nicht zu wenig Möglichkeiten. Wir haben so viele, dass wir manchmal vergessen: Eine Entscheidung für etwas ist eben auch immer eine Entscheidung gegen etwas anderes. Und ich glaube, genau das fällt vielen Menschen schwer. Nicht das Finden von Möglichkeiten, sondern das Loslassen von Möglichkeiten. Und vielleicht ist genau das auch manchmal der Grund, warum wir uns nach Dingen sehnen, die eigentlich gar nicht besonders flexibel sind.

Wenn man darüber nachdenkt, sind die Dinge, die uns im Leben meistens am wichtigsten sind, erstaunlich unmodern. Freundschaften zum Beispiel. Eine echte Freundschaft funktioniert nicht besonders gut nach dem Prinzip: Ich schau mal, ob ich irgendwann Zeit habe. Also natürlich gibt es Phasen, in denen viel los ist, und natürlich verändern sich Lebenssituationen. Und natürlich kann nicht jede Beziehung immer gleich viel Aufmerksamkeit bekommen.

Aber am Ende entsteht Nähe eben dadurch, dass Menschen immer wieder füreinander da sind. Nicht theoretisch, sondern praktisch. Durch gemeinsame Zeit, durch Gespräche, durch Erlebnisse, durch diese vielen kleinen Momente, die im Einzelnen vielleicht gar nicht besonders spektakulär wirken, aber irgendwann die Geschichte einer Beziehung ausmachen. Und ich glaube, genau deshalb ist Gemeinschaft heute vielleicht gleichzeitig so wichtig wie herausfordernd.

Denn Gemeinschaft entsteht nicht dadurch, dass Menschen theoretisch miteinander verbunden sind, also von Von solchen Möglichkeiten haben wir heute mehr als genug. Wir sind über soziale Medien mit unglaublich vielen Menschen verbunden. Wir können Nachrichten verschicken, Fotos und Videos teilen, sehen, was andere Menschen am anderen Ende der Welt gerade machen. Und trotzdem ersetzt das nicht automatisch das, was entsteht, wenn Menschen tatsächlich gemeinsam Zeit verbringen.

Wenn sie gemeinsam etwas erleben, gemeinsam an etwas arbeiten, gemeinsam durch gute und durch schwierige Momente gehen. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum mich Ensembles immer wieder faszinieren. Und damit meine ich jetzt nicht nur ein Musical-Ensemble auf einer Bühne. Klar, das Beispiel liegt nahe, weil wir aus diesem Bereich nun mal kommen. Aber eigentlich ist ein Ensemble ein ziemlich gutes Bild für viele Bereiche des Lebens.

Ein Ensemble besteht nicht einfach aus Menschen, die zufällig im selben Raum stehen. Es entsteht dadurch, dass Menschen anfangen, Verantwortung füreinander zu übernehmen. Jeder bringt etwas anderes mit, jeder hat seine eigene Aufgabe und jeder trägt seinen Teil zum großen Ganzen bei. Und irgendwann passiert etwas Spannendes: Die einzelne Leistung ist gar nicht mehr das Entscheidende. Natürlich ist es wichtig, dass jeder seinen Part vorbereitet, natürlich muss jeder lernen, üben und sich entwickeln und so weiter und so fort, aber eine Aufführung funktioniert nicht deshalb, weil einzelne Menschen besonders gut sind.

Sie funktioniert in der Regel, weil viele Menschen sich aufeinander verlassen können. Und genau dieser Punkt ist für mich interessant. Denn Verbindlichkeit klingt manchmal nach einer Einschränkung, nach etwas, das Freiheit nimmt. Aber eigentlich schafft Verbindlichkeit oft erst die Möglichkeit, dass etwas Größeres entstehen kann. Wenn ich weiß, dass andere Menschen mit mir rechnen, dann verändert das meine Rolle.

Dann geht es nicht mehr nur darum, ob ich gerade Lust habe. Dann geht es auch darum, dass mein Handeln Auswirkungen auf andere hat. Und das ist nicht nur im Theater so. Das kennen wir aus Sportmannschaften, aus Familien, aus Unternehmen und eigentlich von überall dort, wo Menschen gemeinsam etwas erreichen wollen. Die interessantesten Momente entstehen nämlich selten dann, wenn alles perfekt läuft.

Sie entstehen meistens dann, wenn etwas eben gerade nicht perfekt läuft. Wenn jemand einspringt, wenn jemand hilft, wenn jemand sagt: "Ich kümmere mich darum!" Wenn Menschen merken: Wir lösen das gemeinsam. Und vielleicht ist genau das etwas, das man von außen gar nicht sieht. Von außen sieht man meistens nur ein Ergebnis, die Aufführung, das fertige Projekt, den Erfolg. Aber die eigentliche Geschichte entsteht oft in den Momenten davor, in den Situationen, in denen Menschen sich entschieden haben, nicht nur irgendwie dabei zu sein, sondern wirklich Teil von etwas zu werden.

Und vielleicht führt genau das wieder zurück zu diesem kleinen Wort. Also vielleicht. Denn natürlich brauchen wir es. Es gibt Situationen, in denen wir Zeit brauchen. Entscheidungen, bei denen wir erst Informationen sammeln müssen. Momente, in denen ein Vielleicht ehrlich und auch sinnvoll ist. Die Frage ist nur: Bleibt es irgendwann dabei? Oder kommt der Moment, an dem wir aus diesem Vielleicht wieder herausgehen müssen?

Denn irgendwann entsteht nichts mehr aus einer Möglichkeit allein. Eine Freundschaft entsteht nicht aus der Möglichkeit, sich irgendwann einmal zu treffen. Ein Projekt entsteht nicht aus der Möglichkeit, irgendwann einmal anzufangen. Und eine Gemeinschaft entsteht nicht aus der Möglichkeit, irgendwann einmal dabei zu sein. Irgendwann braucht es eine Entscheidung. Und ich glaube, genau deshalb fällt uns manchmal das so schwer, weil wir bei Entscheidungen zuerst auf das schauen, was wir verlieren.

Wenn ich mich für eine Sache entscheide, kann ich nicht gleichzeitig alle anderen Möglichkeiten wählen. Wenn ich zu einem Termin ja sage, sage ich automatisch nein zu anderen Dingen. Wenn ich mich für einen Weg entscheide, lasse ich andere Wege hinter mir. Und natürlich stimmt das: Jede Entscheidung hat ihren Preis. Aber vielleicht schauen wir zu selten auf den anderen Teil. Auf den Wert, der durch diese Entscheidung überhaupt erst entstehen kann.

Denn die wichtigsten Dinge in unserem Leben entstehen meistens nicht dadurch, dass wir alle Optionen offen halten. Sie entstehen dadurch, dass wir irgendwann sagen: Das ist mir wichtig, dafür entscheide ich mich und dafür nehme ich mir Zeit, dafür übernehme ich Verantwortung. Wenn ich auf mein eigenes Leben zurückblicke, dann fällt mir auf, dass viele Dinge, die heute einen großen Platz einnehmen, genauso entstanden sind.

Nicht mit 100%iger Sicherheit, nicht mit einem perfekten Plan, sondern mit einer Entscheidung, obwohl noch vieles offen war. Ich wusste nicht, wohin bestimmte Wege führen würden, welche Begegnungen einmal wichtig werden würden, welche Projekte daraus entstehen. Und ich wusste schon gar nicht, welche Menschen irgendwann ein fester Bestandteil meines Lebens sein würden. Das Interessante ist: Wenn man später zurückschaut, wirkt vieles oft viel logischer, als es sich in dem Moment angefühlt hat.

Dann sieht man eine Entwicklung, eine Geschichte, eine Verbindung zwischen den einzelnen Punkten. Aber während man mittendrin steckt, sieht man diese Verbindung meistens nicht. Man trifft einfach Entscheidungen, eine nach der anderen. Und manchmal merkt man erst Jahre später, welche Bedeutung eine kleine Entscheidung eigentlich hatte. Eine Anmeldung, ein erstes Gespräch, ein erster Termin, ein Ja.

Und vielleicht ist deshalb gar nicht das Vielleicht selbst das Problem. Vielleicht brauchen wir es sogar manchmal. Das Problem entsteht erst dann, wenn wir uns dauerhaft darin einrichten. Wenn wir alle Möglichkeiten offen halten wollen und dabei vergessen, dass die schönsten Dinge im Leben meistens genau dort entstehen, wo wir uns irgendwann festlegen. Wo wir auftauchen, wo wir bleiben, wo andere Menschen mit uns rechnen können.

Denn am Ende sind es nicht die Möglichkeiten, an die wir uns erinnern. Wir erinnern uns an Erlebnisse, an Menschen, an gemeinsame Momente, an Dinge, die entstanden sind, weil irgendwann jemand gesagt hat: Ja, ich mache das. Ich bin dabei. Ich komme. Und vielleicht ist genau das die eigentliche Kultur, die wir brauchen. Nicht eine Kultur, in der Menschen weniger Möglichkeiten haben, sondern eine, in der Menschen wieder bewusster entscheiden, welche Möglichkeiten ihnen wirklich wichtig sind.

Denn aus einem Vielleicht entsteht selten eine Geschichte. Eine Geschichte beginnt meistens mit einem Ja. Für heute danke ich euch fürs Zuhören. Passt auf euch auf! Bis zum nächsten Mal bei "Auf die Bühne, fertig, los!" Ciao!

❓ Häufige Fragen

Ist es falsch, auf Einladungen mit 'Vielleicht' zu antworten?
Nein, nicht generell. 'Vielleicht' ist manchmal ehrlich und sinnvoll, wenn man wirklich noch Zeit braucht, um Informationen zu sammeln. Das Problem entsteht erst, wenn man sich dauerhaft in diesem Vielleicht einrichtet und alle Optionen offen halten will — dann entstehen echte Verbindungen und Projekte nicht mehr.
Was hat das mit Ensembles und Theatern zu tun?
Ein Ensemble funktioniert nur, weil Menschen sich aufeinander verlassen können und füreinander Verantwortung übernehmen. Das ist ein perfektes Bild für alle Bereiche des Lebens: Echte Gemeinschaft entsteht nur durch verbindliche Entscheidungen, nicht durch theoretische Möglichkeiten.
Macht Verbindlichkeit mich weniger frei?
Paradoxerweise ist das Gegenteil der Fall. Wenn andere Menschen mit mir rechnen können, verändert sich meine Rolle, und plötzlich wird etwas Größeres möglich. Verbindlichkeit schafft oft erst die Freiheit für echte Zusammenarbeit und echte Erfolge.
Wie entscheide ich, bei welchen Dingen ich verbindlich sein sollte?
Die Episode suggeriert: Schaue weniger auf das, was du verlierst, wenn du dich entscheidest. Schaue mehr auf den Wert, der dadurch entstehen kann. Die wichtigsten Dinge in unserem Leben entstehen, weil wir irgendwann 'Ja, das ist mir wichtig' gesagt haben.
Kann ich die Episode auch ohne Theater-Hintergrund verstehen?
Ja, absolut. Obwohl die Moderatoren von der Musicalschule Ahrensburg kommen, sprechen sie über universelle Themen wie Freundschaften, Familie, Projekte und generell darüber, wie wir heute Entscheidungen treffen.

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