Der Sprung ins Unbekannte: Entscheidungen treffen ohne Garantie
Hauke über Akrasia, Mut und die Frage, ob wir wirklich entscheiden oder nur Angst haben
In dieser Solo-Episode der Musicalschule Ahrensburg (nahe Hamburg) spricht Hauke Wendt über eine philosophische Frage, die jeden betrifft: Warum wissen wir manchmal genau, was wir tun sollten, und tun es trotzdem nicht? Er erkundet den Begriff "Akrasia" und die Unterscheidung zwischen rationalen Entscheidungen und Entscheidungen, die aus Angst getroffen werden. Im Fokus stehen besonders künstlerische Karrieren – aber auch all die anderen großen und kleinen Veränderungen im Leben, die wir immer wieder aufschieben. Eine Einladung, ehrlich hinzuschauen: Entscheide ich wirklich gegen etwas – oder entscheide ich mich nur dafür, es nicht herausfinden zu müssen?
📑 Kapitel
- 00:00 Intro: Die zentrale Frage
- 00:14 Was ist Akrasia? Der alte philosophische Begriff
- 02:04 Wenn wir wissen, was richtig ist – und es trotzdem nicht tun
- 03:00 Die andere Seite: Träume, die wir nicht verfolgen
- 03:54 Vernunft als elegante Form der Angst
- 05:05 Künstlerische Träume und die klassischen Fragen
- 06:21 Das unsichtbare Risiko: Was passiert, wenn ich es nie versuche?
- 08:27 Entscheidung nach Überlegung vs. Entscheidung aus Angst
- 10:07 Leap of Faith: Sprung ohne Sicherheit
- 12:03 Wie man die eigene Entscheidung hinterfragt
- 14:39 Die zentrale Reflexionsfrage für jeden Tag
- 16:00 Outro und Ausblick auf die nächste Episode
📜 Transkript
Transkript
Entscheide ich gerade wirklich gegen etwas? Oder entscheide ich mich nur dafür, es nicht herausfinden zu müssen? Ich bin neulich über einen Begriff gestolpert, den ich vorher tatsächlich noch nicht kannte: Akrasia. Das ist ein ziemlich alter und philosophischer Begriff und beschreibt im Grunde etwas, das wir alle kennen. Wir wissen, was wir eigentlich tun sollten, und wir tun es trotzdem nicht.
Wir wissen zum Beispiel, dass Rauchen keine gute Idee ist. Wir wissen, dass wir uns vielleicht mehr bewegen sollten. Wir wissen, dass wir wahrscheinlich besser schlafen würden, wenn wir nicht jeden Abend bis halb 12 am Handy hängen würden. Und trotzdem machen wir es. Das Interessante daran ist, dass uns meistens ja nicht das Wissen fehlt. Wir wissen es ja, wir haben die Informationen, wir kennen die Argumente und wir kennen oft sogar die Konsequenzen.
Und trotzdem gewinnt in diesem Moment etwas anderes. Das Verrückte am Menschen ist nicht, dass wir manchmal falsche Entscheidungen treffen, sondern vielmehr, dass wir manchmal genau wissen, was wir tun sollten und es trotzdem nicht tun. Schon die alten Griechen haben sich ja ganz offensichtlich darüber Gedanken gemacht: Wie kann jemand etwas als richtig erkennen und sich trotzdem anders verhalten.
Und wenn man sich einmal dabei ertappt, ist das eigentlich eine ziemlich unangenehme Erkenntnis, weil man sich dann nicht mehr damit so leicht herausreden kann, man hätte es einfach nicht gewusst. Aber genau an diesem Punkt wird es auch deswegen interessant, weil es noch eine andere Seite dieser Sache gibt. Denn manchmal wissen wir nicht nur, was wir lassen sollten, Manchmal wissen wir ziemlich genau, was wir eigentlich machen möchten und tun es trotzdem nicht.
Und damit sind wir plötzlich bei einer ganz anderen Art von Entscheidung. Ich glaube, jeder kennt solche Situationen. Da ist ein Gespräch, das man schon lange führen möchte. Eine Idee, die seit Monaten oder schon Jahren im Kopf herumgeht. Ein Projekt, das man immer wieder verschiebt. Eine Veränderung, bei der man längst spürt, dass sie eigentlich notwendig wäre. Und trotzdem findet man immer einen Grund, warum es gerade jetzt nicht der richtige Zeitpunkt ist.
Das kann alles sehr vernünftig klingen: Man muss erst noch ein bisschen warten, man braucht noch mehr Informationen, die finanzielle Situation muss besser sein, erst muss dieses eine Problem gelöst werden, dann kann man sich um das andere kümmern. Und manchmal stimmt das sogar. Aber manchmal ist Vernunft auch einfach eine sehr elegante Form von Angst. Gerade in der Kunst kennen wir das ziemlich gut.
Irgendwann sagt ein junger Mensch, dass er Schauspieler werden möchte, Sängerin, Musiker, Tänzerin oder irgendetwas anderes, das nicht unbedingt nach dem klassischen Lebenslauf aussieht. Sieht. Und dann kommen die Sätze, die wahrscheinlich schon Generationen von Künstlern gehört haben: Lern doch erstmal etwas Richtiges! Mach doch was Sicheres! Davon kannst du doch nicht leben! Und was machst du, wenn es nicht klappt?
Hey, ich kann diese Fragen alle sehr gut verstehen, denn sie sind ja nicht falsch. Ein künstlerischer Beruf ist oftmals unsicher. Und dann gibt es keine Garantie dafür, dass man davon leben kann. Es gibt Menschen, die es versuchen und dann scheitern. Es gibt Menschen, die jahrelang dafür arbeiten und trotzdem nicht die Karriere machen, die sie sich vorgestellt haben. Man sollte das nicht romantisieren.
Aber irgendwann stellt sich eine andere Frage, und die finde ich in diesem Zusammenhang viel interessanter: Was ist eigentlich, wenn man es nicht versucht? Wir sprechen ständig über das Risiko des Scheiterns. Wir sprechen darüber, was passieren kann, wenn jemand seinen sicheren Job aufgibt, ein Unternehmen gründet, Künstler wird oder einen anderen Weg einschlägt. Wir rechnen durch, was schiefgehen kann.
Und über das Risiko, es nie zu versuchen, sprechen wir erstaunlich selten. Denn dieses Risiko ist unsichtbar. Wenn jemand ein Unternehmen gründet und es nach 3 Jahren oder wie lang auch immer wieder schließen muss, dann sehen wir das. Wenn jemand seinen Beruf aufgibt und feststellt, dass der neue Weg nicht funktioniert, dann sehen wir das auch. Wenn ein Künstler jahrelang kämpft und irgendwann merkt, dass es nicht reicht, dann ist das eine sichtbare Geschichte.
Aber niemand sieht das Buch. Das nie geschrieben wurde. Niemand sieht das Unternehmen, das nie gegründet wurde. Niemand sieht den Beruf, den jemand nie ausprobiert hat. Und niemand kann später nachschauen, wie ein Leben dann ausgesehen hätte. Das ist vielleicht das Unangenehme daran. Scheitern kann dir zeigen, dass etwas nicht funktioniert hat. Nicht versuchen lässt dich mit der Frage zurück, ob es funktioniert hätte.
Und diese Frage kann ziemlich hartnäckig sein. Ich glaube nicht, dass jeder Mensch seinen Traum verfolgen muss. Das wäre eine viel zu einfache Botschaft. Es gibt gute Gründe, sich gegen einen bestimmten Weg zu entscheiden. Manchmal sind die Risiken zu groß, manchmal verändern sich die eigenen Wünsche oder die eigene Situation. Manchmal stellt man fest, dass das, was man sich mit 20 vorgestellt hat, mit 40 überhaupt nicht mehr das eigene Leben sein soll.
Das ist alles völlig in Ordnung. Der entscheidende Unterschied liegt für mich woanders. Es gibt für mich einen Unterschied zwischen einer Entscheidung, die ich nach reiflicher Überlegung treffe, und einer Entscheidung, die ich eigentlich aus Angst treffe und anschließend mit vernünftigen Argumenten rechtfertige. Von außen sieht beides gleich aus. Nur ich selbst weiß, was dahinter steckt. Und das ist ziemlich unangenehm.
Weil wir uns ziemlich gut selbst belügen können. Nicht unbedingt bewusst. Wir erzählen uns eine Geschichte, die sich plausibel anhört, und irgendwann glauben wir sie dann selbst. Ich muss erst noch Erfahrung sammeln. Ich muss erst finanziell unabhängig sein. Ich muss erst besser werden. Ich muss erst wissen, ob ich überhaupt gut genug bin. Ich muss erst wissen, was die anderen davon halten. Und natürlich können all diese Dinge tatsächlich wichtig sein.
Aber manchmal ist die eigentliche Aussage dahinter eine ganz andere: Ich möchte es, aber ich habe Angst, herauszufinden, ob ich es schaffen kann. Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem der Begriff „Leap of Faith" für mich interessant wird. Ein „Leap of Faith" bedeutet nämlich nicht, dass man weiß, dass es gut ausgehen wird. Wenn man das wüsste, dann wäre es ja auch kein „Sprung" mehr.
Ein „Leap of Faith" bedeutet: Ich weiß nicht, wie es ausgeht. Aber ich entscheide mich trotzdem, es zu versuchen. Das ist ein ganz großer Unterschied. Wir wünschen uns bei wichtigen Entscheidungen immer wieder Sicherheit. Wir möchten vorher wissen, dass die Beziehung funktioniert, dass das Unternehmen erfolgreich wird, dass der Umzug die richtige Entscheidung ist, dass der neue Beruf tatsächlich zu uns passt.
Nur bekommt man diese Sicherheit meistens nicht. Man kann planen, man kann sich informieren, man kann Risiken abwägen, Man kann sich vorbereiten, und das ist alles sinnvoll. Aber irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem man keine neue Information mehr bekommt, die die Entscheidung dann plötzlich sicher macht. Dann muss man entscheiden. Und genau da beginnt für mich Mut. Nicht dort, wo die Angst verschwindet, sondern dort, wo man entscheidet, obwohl sie noch da ist.
Das heißt nicht, dass jeder mutige Schritt richtig ist, und das heißt schon gar nicht, dass jeder, der scheitert, mutiger war als jemand, der sich dagegen entschieden hat. Auch das wäre viel zu einfach. Es geht auch nicht darum, dass man immer springen muss. Es geht darum, dass wir uns ehrlich anschauen, warum wir stehen bleiben. Ist es tatsächlich eine vernünftige Entscheidung, noch zu warten?
Oder warte ich nur, weil ich mir wünsche, dass irgendwann jemand kommt und mir garantiert, dass es gut ausgehen wird? Denn diese Garantie wird es oftmals nicht geben. Und vielleicht ist das gar nicht das Problem. Denn wenn wir darauf warten, sicher zu sein, bevor wir etwas Wichtiges beginnen, werden wir viele Dinge nie beginnen. Wer auf eine Garantie wartet, wird viele interessante Dinge im Leben nie anfangen.
Das gilt für einen Künstler genauso wie für jeden anderen Menschen. Es geht um den Beruf, den man vielleicht gern machen würde. Um die Idee, die man schon lange hat. Um die Veränderung, von der man längst weiß, dass sie eigentlich notwendig wäre. Es geht nicht immer um den einen großen, spektakulären Sprung. Manchmal ist es nur ein kleiner Schritt, den man seit Jahren nicht macht. Und damit bin ich wieder bei der Akrazija vom Anfang.
Wir wissen manchmal, was wir tun sollten und tun es nicht. Und manchmal wissen wir nicht, ob etwas funktionieren wird, aber wir wissen, dass wir es versuchen möchten. Das sind zwei unterschiedliche Situationen, aber sie haben etwas gemeinsam: Irgendwann muss aus einem Gedanken einer Handlung werden. Mehr Wissen hilft nicht immer. Mehr Nachdenken hilft nicht immer. Und auch mehr Zeit löst nicht automatisch das Problem.
Irgendwann kommt der Moment, an dem man akzeptieren muss, dass man das Ergebnis nicht kennen wird, bevor man sich entscheidet. Vielleicht ist das eine der schwierigsten Dinge am Erwachsenwerden. Zu akzeptieren, dass die wirklich wichtigen Entscheidungen meistens ohne Garantie kommen. Wir können nicht wissen, welche Version unseres Lebens die bessere gewesen wäre. Wir können nur entscheiden, welches Risiko wir bereit sind zu tragen.
Und natürlich kann es schiefgehen, wenn wir es versuchen. Aber es kann eben auch etwas kosten, wenn wir es nicht versuchen. Und deshalb würde ich mir bei manchen Entscheidungen inzwischen eine zweite Frage stellen: Nicht nur: Was passiert, wenn es nicht funktioniert? Sondern eben auch: Was passiert, wenn ich es nie versuche? Denn am Ende geht es vielleicht gar nicht darum, ob wir mutig genug waren, den richtigen Weg zu wählen.
Vielleicht geht es darum, ob wir irgendwann mit unserer Entscheidung leben können. Mit dem Scheitern, falls es schiefgeht. Oder mit der Gewissheit, dass wir nie erfahren werden, was möglich gewesen wäre. Wenn ich darüber nachdenke, ist das wahrscheinlich auch der Grund, warum ich diesen Gedanken für mich selbst gar nicht so leicht finde. Denn wenn man lange genug in einem Beruf arbeitet, der irgendwann einmal eine ziemlich unsichere Entscheidung war, vergisst man leicht, wie unsicher diese Entscheidung am Anfang eigentlich gewesen ist.
Von außen sieht man irgendwann nur noch das Ergebnis. Und diesen Punkt hatten wir bereits in Episode 8 am Wickel. Man sieht die Dinge, die funktioniert haben, die Produktionen, die Menschen, die man kennengelernt hat, die Erfahrungen, die daraus entstanden sind. Aber man sieht nicht mehr unbedingt den Moment, in dem man selbst noch nicht wusste, ob daraus einmal ein Beruf oder überhaupt ein Leben werden würde.
Und ich glaube, genau diesen Moment kennen sehr viele Menschen, ganz unabhängig davon, ob sie Künstler sind. Es gibt diese Situationen, in denen man an einer Stelle steht und eigentlich zwei Dinge gleichzeitig weiß: Man weiß, dass der bisherige Weg sicherer wäre, und man weiß gleichzeitig, dass da etwas anderes ist, das man unbedingt ausprobieren möchte. Beides kann gleichzeitig wahr sein. Und genau deshalb sind solche Entscheidungen so schwierig.
Vielleicht ist es gar nicht die Aufgabe, herauszufinden, welcher Weg 100%ig richtig ist. Den gibt es wahrscheinlich gar nicht. Es geht eher darum, ehrlich genug zu sein, um zu erkennen, warum man sich für einen Weg entscheidet. Wenn ich mich gegen etwas entscheide, weil ich nachgedacht habe und zu dem Ergebnis gekommen bin, dass es nicht zu meinem Leben passt? Dann ist das eine Entscheidung, mit der ich gut leben kann.
Wenn ich mich aber gegen etwas entscheide, das ich eigentlich unbedingt möchte, nur weil ich Angst davor habe, dass es nicht funktionieren könnte, dann ist das etwas anderes. Und das ist vielleicht die Frage, die ich mir selbst immer wieder stellen möchte: Entscheide ich gerade wirklich gegen etwas? Oder entscheide ich mich nur dafür, es nicht herausfinden zu müssen? Denn das ist ein großer Unterschied.
Wir können nicht verhindern, dass Dinge schiefgehen. Wir können nicht verhindern, dass Entscheidungen falsch sind. Und wir können auch nicht verhindern, dass wir irgendwann zurückblicken und denken: Das hätte ich anders machen können. Aber wir können aufpassen, dass wir nicht aus lauter Angst vor einem möglichen Fehler unser ganzes Leben lang nur die Entscheidungen treffen, bei denen wir schon vorher wissen, wie sie ausgehen.
Denn dann wissen wir zwar ziemlich genau, was uns erwartet. Wir wissen allerdings auch ziemlich genau, was wir nicht erleben werden. Und vielleicht ist das am Ende der eigentliche Leap of Faith. Nicht daran zu glauben, dass alles gut wird, sondern zu akzeptieren, dass man es nicht weiß und trotzdem losgeht. Das ist kein Versprechen auf Erfolg. Es ist nicht einmal ein Versprechen darauf, dass man am Ende zufrieden sein wird.
Es ist nur die Entscheidung, die eigene Frage nicht für immer unbeantwortet zu lassen. Und vielleicht ist das eine ganz gute Frage, die man sich von Zeit zu Zeit stellen kann: Gibt es gerade etwas in meinem Leben, von dem ich längst weiß, dass ich es versuchen möchte, aber immer noch auf den Moment warte, in dem ich keine Angst mehr davor habe? Denn diesen Moment gibt es möglicherweise gar nicht.
Und wenn das so ist, dann bleibt irgendwann nur noch die Entscheidung: Springe ich? Oder bleibe ich stehen und frage mich später, wie es wohl gewesen wäre? Das war's für heute mit "Auf die Bühne, fertig, los!" Und beim nächsten Mal sitze ich dann nicht mehr allein hier, sondern wieder mit Marc. Und ich bin ziemlich gespannt, was er zu dieser Frage sagt. Bis dahin würde ich mich aber freuen, eure Meinung zu hören. In den Kommentaren auf YouTube oder bei Instagram unter @musicalschule. Macht's gut!
